Landschaftliche Schwerpunkte des Brauchgeschehens.

 

Die fastnachtlichen Brauchformen sind also durch Tradition und Stammescharakter
bestimmt. Wieweit sie sich unter dem Einfluss der jeweiligen Zeitströmungen in der
Vergangenheit und der Gegenwart verändern bzw. verändert haben, hängt von dem Maß der Offenheit ab, das ihnen von den jeweiligen Brauchpflegern zugestanden wird oder wurde.

Die ältesten Traditionsformen lassen sich im alpenländischen Faschingsraum auf-
spüren, da sich in den abgelegenen und in früheren Zeiten schwer zugänglichen Hochtälern vieles erhalten hat, was andernorts durch immer neue Einflüsse und Veränderungen heute völlig verschwunden ist. Das sind in erster Linie Spielformen des Winteraustreibens und sogenannte Vorfrühlingsfeste. Ihr Nährboden waren
die vegetationsreligiösen Vorstellungen in vorchristlicher Zeit, die das Denken und Handeln der Menschen bestimmten. Obwohl diesen Vorstellungen durch die
christliche Missionierung die Grundlagen entzogen wurden, nahm man die rein äußerlichen Formen des Festtreibens mit in die vorfastenzeit des christlichen Brauchkalenders hinüber. Scheller und Roller stellen dabei als Symbolgestalten des Winters und des Frühjahrs den heranstehenden Wechsel in der Vegetation dar und versuchen, ihn mit allerlei glückverheißenden, magisch-rituellen Begleifhandlungen zu beeinflussen. All dies verbindet sich mit vielerlei Spottbräuchen (Rußen, Schlagen,
Spritzen, Verhöhnen) und zuweilen sogar mit höfisch aufgeputzten Schmuckformen,
wobei Lärmen und zuweilen disharmonische Musikdarbietungen den akustischen Rahmen stellen. Aber auch hier hat sich nicht nur jeder Landschaftsteil, sondern
nicht selten sogar jeder kleine Ort seine eigenen Kostüm-, Schemen- und Handlungstraditionen bewahrt. Dabei reichen die Auftrittsformen der Brauchträger
von relativ schlichten Umgängen von Haus zu Haus bis zu geschlossenen Auftritten
in größeren Umzügen durch den Ort.

Träger des fastnachtlichen Brauchgeschehens im alpenländlichen Fasching sind in der Regel bäuerliche Burschengruppen.

Die im Südwesten Deutschlands beheimatete sogenannte Alemannische Fasnacht ist zweifellos die viel-gestaltigste unter allen Fastnachtformen. Wenn auch ihre ältesten Narrenzünfte mit Stolz auf eine mehr-
hundertjährige Tradition zurückschauen wollen, so sind die meisten Narrenzünfte doch erst gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts unter dem Einfluß des sogenannten Historismus ins Leben gerufen worden,
wenn sie nicht sogar erst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen oder nach 1949 gegründet wurden.
In der alemannischen Fasnacht kommt vor allem der Stolz auf die eigene Ortstradition zum Tragen, die man in Häs und Schemen bildhaft zum Ausdruck bringen will. Die dabei zutagetretenden Schmuckformen greifen sowohl auf volkstümliche als auch zuweilen auf höfische Vorbilder zurück.

Der Südwesten Deutschlands ist aber auch durch seine hochentwickelte fastnachtliche Holzschnitzkunst berühmt, die in z.T. sehr eindrucksvollen Schemen der Hästräger zum Ausdruck kommt.

Träger der Brauchpflege und Brauchdarstellung sind eigene Narrenzünfte, die in ihrer personellen Zusammensetzung meist eng mit den am Ort ansässigen handwerklichen Gesellschaftsgruppen verbunden sind.

Der rheinische Karneval ist in der heute weitverbreiteten Form erst im vergangenen Jahrhundert ins Leben gerufen worden. Zu seiner Entstehung bedurfte es der politischen und wirtschaftlichen Emanzipation des Bürgertums, das nach der französischen Revolution auch nach eigenen Formen des Gesellschaftslebens strebte. So entstand im Jahre 1823 zuerst in der Stadt Köln ein bürgerlicher Reformkarneval, der die alten und als zu gewöhnlich empfundenen Formen des Fastellovends ablösen sollte, und der sich unter dem Einfluss der zeitgleichen Kulturbewegung der deutschen Romantik an den entschwundenen Traditionen der alten Reichsidee orientierte. Dieser bürgerlich-romatische Karneval trat im 19. Jahrhundert einen wahren Siegeszug durch Deutschland an und verdrängte vielerorts die älteren und kirchenorientierten Formen der Fastnacht.

Mit der 1838 herausgegebenen ersten „Faschingsmedaille” begründete der Kölner Karneval auch den Brauch, Verdienste um die Fastnacht mit einem Karnevalsorden zu belohnen. Noch heute steht die Qualität dieser Prägungen in Köln an erster Stelle im deutschsprachigen Raum.

Im Mainzer Raum nahm der Karneval so starke zeitpolitische Züge an, dass er dort in politisch-literarische
Fassenacht umbenannt wurde.

Träger des bürgerlichen Karnevals waren in erster Linie die bürgerlichen Gesellschaftsschichten des 19. Jahrhunderts, wenn auch später schließlich handwerkliche Gruppierungen ihre Mitgestaltung durchsetzten.
Organisiert sind die Brauchpfleger und Brauchdarsteller des rheinischen Karnevals in eigenen Karnevalsgesellschaften.

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