Aktuelle Formen der fastnachtlichen Braucherscheinungen:

 

Besonders typische Formen des alpenländischen Fasnachtsbrauchtums haben sich in Imst und Nassereith (Schellerlaufen) und Telfs (Schleicherlauf), sowie in Mittenwald und Partenkirchen (Schellenrühren und Jackl-Schutzen) erhalten. Urtümlichere Formen des Winteraustreibens finden sich im Gebiet der Hohen Tauern (Perchtenlaufen).

Die alemannische Fasnet stellt sich in ihrer ausgeprägtesten Form in Rottweil und Villingen dar (Narrensprünge).
Dabei nimmt Rottweil insofern eine besondere Position ein, als dort das gesamte Geschehen auf die Brauchtraditionen am Ort beschränkt bleibt. Ausschließlich Rottweiler Hästräger nehmen am reinen Fußumzug teil. Auf Wagen und andere Schaudarstellungen wird verzichtet. Nur der Rottweiler Narren-
Marsch ist als Musikbegleitung durch die am Straßenrand stehenden Kapellen zugelassen. Als Narrenzunft beschränkt man sich auf das ortstypische „Juhu”. Am Nachmittag steht das Vorstellen der selbst produzierten Narrenbücher durch die Hästräger selbst im Mittelpunkt.

In Villingen sind die traditionellen Zünfte und ihre Hästräger in einen größeren Umzug eingebunden. Auch Gastzünfte sind gelegentlich zugelassen. Das freie Treiben an den Nachmittagen und Abendengehört den „schnurrenden und strählenden” Stachis (individuelle Rügeansprachen).

In Stockach findet das Rügerecht der Narren im „grobgünstigen Narrengericht” seine ausgeprägteste Form.
Es geht auf ein urkundlich ausgewiesenes Privileg Erzherzogs Leopold zurück, das dieser seinem Hofnarren Kuoni verliehen haben soll. Durch die heutige Konzentration der Anklage auf hochrangige Politiker ist die ursprünglich ortsbezogene Intimität jedoch aufgegeben worden.

Der rheinische Karneval hat in Köln und Mainz seine Hochformen entwickelt. In Köln, von dem die bürgerliche Karnevalsreform im Jahr 1823 ausging, hat sich der Rosenmontagszug durch die Konzentration auf einen reklamefreien Themenzug zu seiner vollendetsten Hochform entwickelt. Daneben ist das sogenannte
Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau die Hochform jeglicher karnevalistischen Personifizierung. Die Gardecorps sind ein weiteres stadttypisches Rückgrat des Straßen- und saalkarnevals. das rheinische Liedgut des Karnevals ist in den letzten Jahrzehnten weitgehend von moderneren Gesangsgruppen-beiträgen abgelöst worden.

In Mainz, das 1838 unter zeitpolitischen Einflüssen sein Karnevalstreiben als Mittel zur politischen Agitation entdeckte, rückte die „Sitzung” in den Mittelpunkt des närrischen Geschehens. Noch heute stehen politische Redebeiträge im Vordergrund der Darbietungen. Daneben hat auch der Gesang in seiner traditionellen Form noch einen hohen Stellenwert.

Die in Aachen praktizierte Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst” hat zahlreiche Nachahmungen gefunden. Die Konzentration der Auswahl auf den Bekanntheitswert hochrangiger Politiker hat die ursprüngliche Idee der Polit-Persiflage in den letzten Jahren jedoch stark in den Hintergrund treten lassen. Dieses gilt für die Ordensverleihung bei karnevalistischen Darbietungen aber auch ganz allgemein. Sie sind Erinnerungsstücke an frohe Stunden und zum Teil auch schon begehrte Sammlerobjekte. Ihr eigentlicher Wert sollte durch die Originalität der Darstellung bestimmt sein, doch rücken immer mehr „glanzvolle”,
sonst aber nichts sagende Prunkstücke in den Vordergrund.

Eine Sonderstellung nimmt im deutschsprachigen Raum die Basler Fasnacht ein, die sich zeitlich noch am julianischen Kalender orientiert, da die calvinistisch geprägte Stadt die päpstliche Kalenderreform Gregor XIII nicht mitvollziehen wollte. Im äußeren Erscheinungsbild dieser Fastnacht mischen sich alte Formen des Winteraustreibens mit den Traditionen der Trommler und Pfeifer aus der Landsknechtsepoche und
auch Einflüsse des modernen Faschingstreibens sind in den Larven der Cliquen und der Guggenmusiken nicht zu übersehen. Da alles mit fast altväterlicher Ernsthaftigkeit dargestellt wird, ist diese fastnachtliche Ausdrucksform für Ortsfremde stimmungsmäßig kaum nachvollziehbar.

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